Am 1. September 2011 - 7:01 Uhr von Philip Banse

Mario Sixtus: Die Verleger leisten einen unternehmerischen Offenbarungseid

Publikationsdatum 01.09.2011 ~ Art des Materials: Akteure: Schlagworte: Soziales System: Lizenz: 

Die Presseverlage investieren zuwenig in Journalismus und drücken mehr oder weniger automatisiert den „Publish”-Knopf für Agenturmeldungen. Das sagt Mario Sixtus, Journalist, Videoproduzent und Blogger im IGEL-Interview. Dafür mit einem „finanziellen Grundrauschen” belohnt zu werden, sei nicht gerechtfertigt. Die großen Journalistengewerkschaften hätten sich gegen ein kleines Stück vom Kuchen „Leistungsschutzrecht” kaufen lassen, freien Autoren nütze es jedoch nichts:

Philip Banse: Die Verleger bringen seit einiger Zeit das Argument vor, auch Filmproduzenten und Plattenlabel hätten ein Leistungsschutzrecht. Die Presse-Verlage müssten genauso behandelt werden andere Werkmittler.

Foto: Nadia Zaboura

Mario Sixtus: Die Leistung eines Plattenlabels lässt sich sehr genau trennen von den Leistungen der Musiker und Songschreiber. Das ist bei Verlagen anders. Die nehmen die Werke der Autoren und stellen sie ins Netz. Das ist alles. Filmproduzenten und Musikverlage investieren über Promotion und dergleichen ganz andere Summen in ihre Künstler als etwa eine Zeitung in ihre Journalisten.

Die Verleger sagen eben gerade nicht: Wir geben mal richtig Geld aus für intelligente Schreiber, in Edel-Federn, in Leute, die eine starke Meinung haben oder lange recherchieren und dafür Vorschüsse brauchen, damit das Ding dann ein Knaller wird. Der Online-Journalismus ist größtenteils scheiße. Da werden lieblos unredigierte Agenturmeldungen einfach raus gepumpt. Stern.de ist so ein Fall. Stefan Niggemeier hat das ja mal nachrecherchiert. Demnach hat Stern.de an einem Tag 367 Artikel veröffentlicht, wovon ganze acht eigene Berichte waren. Der Rest sind Agenturmeldungen, die teilweise automatisch raus gehauen werden. Das heißt, da sitzt eine Maschine und diese Maschine soll jetzt irgendwie durch ein sehr zurecht gebogenes Gesetz von der Allgemeinheit finanziert werden.

Spiegel Online und Zeit Online investieren doch schon in eigene Kolumnisten und Blogs.

Es gibt natürlich Ansätze, aber das ist alles im Experimentalstadium. Das meiste ist Massenware, die irgendwie raus gepumpt wird. Da findet überhaupt keine Leistung statt, die in irgendeiner Form geschützt werden müsste. Bei einem Blogger, der sich einen Nachmittag lang den Kopf zerbricht und einen geistreichen Text zur Finanzkrise rausschickt und dann auf „Publish” drückt, sehe ich eine Leistung. Aber diese Leistung ist das Schreiben des Textes und die Gedankenleistung, die davor war. Garantiert nicht das Drücken auf den Publish-Knopf. Genau genommen ist es aber das, was die Verlage honoriert haben wollen. Sie kaufen einen Text von einem freien Autor, stellen ihn in das Redaktionssystem und drücken auf „Publish”. Und dieser Vorgang soll irgendwie honoriert werden, finden sie. Finde ich nicht.

Die Verlage argumentieren, sie machten das Layout, die Überschriften, holten die Anzeigen rein und bezahlten das ganze Ökosystem, in dem diese Texte erscheinen.

Ja, das war früher sicherlich eine ganz große Investition, als man noch Papier bedruckt hat, als Verlage noch angeschlossene Druckereien hatten und eine Distributions-Logistik, wo Lkws und Güterwaggons in die Länder gefahren sind, um dieses Papier auszuliefern. Vor 100 Jahren war es sicherlich eine unglaubliche Investition, eine Zeitung aufzumachen. Aber heute ist es keine unglaublich großartige Investition mehr, ein Online-Angebot zu machen. Und daher leisten die Verlage hier einen unternehmerischen Offenbarungseid. Wenn ein Unternehmer feststellt: So, ich habe jetzt zehn Jahre lang versucht, in Grönland Kühlschränke zu verkaufen, es klappt einfach nicht – dann soll er bitte damit aufhören und nicht den Gesetzgeber damit belästigen, dass er jetzt gerne Subventionen für den Kühlschrankverkauf in Grönland haben will.

Für mich ist das Ganze ein Versuch, eine Art finanzielles Grundrauschen in die Kasse zu bekommen. Geld, von dem sie immer wissen, dass es da ist. So herum ist das gedacht und jegliche Argumentation ist im Nachhinein draufgepflanzt. Die Verleger wollen für ihre Unternehmen ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Sie hatten ja jüngst eine viel beachtete Auseinandersetzung mit Ihrem Lieblingsfeind Christoph Keese, Cheflobbyist des Springer Verlags und lautester Fürsprecher des Leistungsschutzrechts. Keese hatte in seinem Blog widerrechtlich eines Ihrer Fotos übernommen und danach bewusst gegen das Urheberrecht verstoßen, indem er einen fremden Text komplett übernahm. Wie ist das geendet?

Christoph Keese hat tausend Euro an Creative Commons gespendet. Das Geld ist dort auch angekommen.

Was sind die Lehren aus diesem Streit?

Christoph Keese unterstellt Gegnern des Leistungsschutzrechts, dass sie Rechtsbruch akzeptieren. Er versucht, den politischen Gegner in die Ecke zu drücken und schreibt dann über die Ecke: Wer hier sitzt, dem ist Recht und Gesetz egal. Das ist natürlich perfide.

Sie sind Journalist, machen Fernsehen, aber schreiben auch. Es wird argumentiert, dass die Autoren durch ein Leistungsschutzrecht nicht zu Schaden kommen, ja davon profitieren würden. Wie stellt sich das aus Ihrer Perspektive als Journalist dar?

Diese Gewerkschaften sind ja primär Clubs für Festangestellte und arbeiten weniger im Sinne freier Autoren. Freie Autoren werden ihre kompletten Verwertungsrechte abgeben. Gerade jetzt im Online-Zeitalter werden sie auch die Mehrfachnutzungsrechte für alle Medien, die irgendwann mal erfunden werden, abtreten und dafür irgendeine Pauschale bekommen. Für Festangestellte bei den Verlagen wird es durch ein Leistungsschutzrecht irgendwelche Ausschüttungen geben. Weiß der Geier, wie die sich zusammensetzen. Die Gewerkschaften haben sich da schlicht kaufen lassen.

Inwiefern haben sich Verdi und Deutscher Journalistenverband, DJV, kaufen lassen?

Sie haben sich kaufen lassen durch die Zusage, dass die Urheber in irgendeiner Form an den Einnahmen partizipieren werden. Das sind ja bisher alles nur sehr vage Zusagen. Aber irgendein Springer-Fuzzi wird das auf irgendeiner Veranstaltung mal gesagt haben. Daraufhin hat Verdi applaudiert. Das heißt, die Verlage können sich jetzt darauf stützen, dass Verdi und DJV ihnen da keine Knüppel zwischen die Beine werfen. Sie sagen nichts mehr dagegen, dass Springer diesen Kuchen bekommt, denn sie kriegen ein Stück Kuchen ab. Da kann man sagen, dass die Gewerkschaften sich haben kaufen lassen. 

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